Wer entscheidet eigentlich, wer was bekommt?
Story
Gottes Lieferservice
Gestern habe ich wieder was bestellt bei Gottes Lieferservice.
Kennen Sie den?
Da gibt es alles. Die Auswahl ist überwältigend und die Lieferzeit ist flott. Das kann man nicht toppen, da sind sich alle einig.
Er hat nur einen Nachteil: Man kriegt nie, was man bestellt hat.
Aber irgendwas kriegt man immer. So kleine Beilagen. Meistens Steine.
Ich bin nicht sicher, ob man die sammeln muss und am Ende so eine Art Bonuspunkte dafür kriegt. Keine Ahnung. Es sind schöne Steine, zugegeben. Mein Haus ist voll davon.
Ich meine, was soll man machen? Es ist der einzige Lieferservice der Stadt.
Ich habe einen Wäscheständer bestellt. Was ich bekommen habe, war Wäsche. Schmutzige Wäsche. Sonst nichts. Nur der Hinweis: Sie haben einen Wäscheständer bestellt. Wir dachten, Wäsche könnte Sie auch interessieren. Ja klar interessiert mich Wäsche, aber wie soll ich die jetzt waschen? Und trocknen? Das ist Gott wohl egal. Der muss wohl sein Warenhaus leerkriegen. Oder er kann nicht lesen.
Oder er braucht Geld.
Zurückschicken kann man übrigens nichts. Kein Absender. Ist Gott vielleicht irgendwo in China angesiedelt? Schickt er mir einfach wahllos Sachen zu, die genauso aussehen wie das, was ich wollte, aber beim ersten Anblick auseinanderfallen, rosten, Urheberrechte verletzen oder von unwissenden Kinderhänden zusammengeschustert wurden? Ich meine, er ist Gott. Er hat weder Urheberrechte noch Menschenrechte erfunden, und soweit ich weiß, hat er sie auch nie anerkannt. Wozu auch?
Ich muss schon sagen, die Qualitätskontrolle ist bei Gott sehr mangelhaft. Er haut einfach Sachen raus, von denen er denkt, dass sie dir gefallen könnten. Und da er sich mit Menschen nicht so auskennt, denkt er, uns gefallen so Sachen wie … ach. Ich weiß nicht.
Im Dezember habe ich Gemütlichkeit bestellt und rechte Parolen geliefert bekommen. Okay, schöne Weihnachten lag auch dabei. Einmal habe ich Weltruhm bestellt und was kam? Eine Salami der Marke Demütigung. In Scheiben. Zahllose Scheiben. Sie hat monatelang vorgehalten. Später habe ich Abenteuer bestellt und er hat mir eine Schachtel voller bunter Porzellanscherben geschickt. Obwohl ich sie schon so oft neu zusammengesetzt habe, dass mir die Finger bluten, weiß ich immer noch nicht, was sie darstellen sollen. Die Gebrauchsanleitung, die beilag, war für eine Radio. Und einmal habe ich Melancholie bestellt, da hatte ich die Faxen dicke, und was habe ich gekriegt? Einen grandiosen Anblick der nächtlichen Milchstraße.
Letztens habe ich dann ein gutes neues Jahr bestellt. Ich meine, ohne neues Jahr geht es ja auch nicht. Es kam ein Krieg. Ich habe mich geweigert zu bewerten, obwohl ich ständig dazu aufgefordert werde. Meine Bewertung würde anderen bei der Auswahl helfen, heißt es. Für mich sind Bewertungen die neue Pest. Alle bewerten nur noch alles, ohne irgendeine Ahnung davon zu haben. Für eine Meinung brauchst du keine Ahnung. Alle wissen, wer wirklich gut und wer wirklich böse ist. Vor allem im Krieg. Ich nicht. Mein Entsetzen verteilt sich gerecht auf alle Seiten. Und was nützt es denn, zu bewerten, wenn man sowieso nie bekommt, was man bestellt?
Ach, ich will mich ja nicht beschweren. Bei wem auch? In der Kirche vielleicht?
Ich habe mir gedacht, wenn das so weitergeht, werde ich die Annahme verweigern. Retoure geht ja nicht, aber das geht. Keine Ahnung, wo das Zeug dann hinkommt. Wahrscheinlich auf die Mülldeponie. Aber das wäre doch die Lösung!
Dann kommt so was wie Krieg, obwohl ich Seife bestellt habe, und ich weigere mich einfach, es anzunehmen. Dann gibt es keinen Krieg, oder?
Das Problem mit dem Krieg zum Beispiel ist nämlich, wenn man den erst mal angenommen hat, kann man ihn nicht mehr wegschmeißen. Wie eigentlich alle Sachen von Gott. Aber wenn man es erst gar nicht mehr annimmt? Ich war total aufgeregt. Das war’s. Das nächste Mal, als ich was bestellt hatte, klingelte es und draußen stand dieser Liefertyp mit einer großen Kiste. „Sie haben einen Füllfederhalter bestellt?“
Das konnte kein Füllfederhalter sein. Die Kiste war so groß wie ich. Das war bestimmt eine Atombombe. „Ich verweigere die Annahme“, sagte ich und verschränkte die Arme.
Er guckte verdutzt. Das war ihm wohl noch nie passiert. Ich musste was unterschreiben und dann zog er ab.
Zufrieden ging ich zurück zum Haus und schaute ihm von der Veranda aus nach. Er nahm meine Kiste auf und klingelte damit beim Nachbarn. „Sie haben einen Rasenmäher bestellt?“ Der Nachbar nickte und nahm die Kiste an sich. Er riss sie gleich auf. Dann wurde er bleich und blickte mich bestürzt an.
Das war’s. Ich ging rein und bestellte zwei Paletten Erbsensuppe, Nutten und Koks.
Würde es Ihnen etwas aus-machen, ihre Erfahrung zu bewerten?
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