Was tun sie da? Sie kreisen

Story

Die Vogelkonferenz

Ich höre sie, bevor ich sie sehe.

„Die Schwäne wollen nach Afrika“, sagt die Frau, die dicht neben mir vorbeiradelt. Schwäne? Sie meint sicher Störche. Aber auch die sind längt alle weg, es ist schon Anfang November. Außerdem – diese Rufe. Sie klingen nicht wie Gänseschnattern, aber auch nicht wie Kranichtrompeten. Sie klingen wie … eine Unterhaltung.

Ich bin stehen geblieben, abgestiegen, mein Rad liegt im Gras. Ich suche den Himmel ab. Wo sind sie nur? Ich kann keine der üblichen hakenförmigen Zugvögel-Formationen entdecken. Aber irgendwo müssen sie sein. Ich höre sie doch. Ein paar Krähen und Tauben flitzen durch mein Blickfeld. Ich lege den Kopf in den Nacken.

Da. Ich traue meinen Augen nicht.

Direkt im Zenit, direkt über mir, im tiefen Blau zwischen ein paar Schäfchenwolken, passiert etwas. Ein schwarzer Schwarm großer Wesen ist da versammelt. Ein Schwarm, rund wie eine sich langsam drehende Kugel.

Zugvögel, eindeutig. So hoch steigt kein Vogel ohne Grund. So hoch wie der ganze Parkweg lang ist, der schnurgerade ausgerollt vor mir liegt, wenn man ihn im rechten Winkel nach oben aufstellen würde. Bestimmt zweihundert Meter hoch, wenn nicht mehr. Ich spüre die lange Luftsäule zwischen uns und schwanke kurz.

Aber was tun sie da?

Sie kreisen.

Das ist merkwürdig. Es sind Zugvögel. Sie sollten in den Süden fliegen, oder? Ich weiß zufällig sogar, wo Süden ist, der Parkweg vor mir führt genau dorthin. Das tun sie aber nicht. Sie kreisen, eindeutig. Wenn sie nach links kreisen, wirken ihre Silhouetten schwarz vor dem Himmel, wenn sie den Kreis nach rechts vollenden, bescheint die tiefstehende Sonne ihre Bäuche und sie wirken silbern, verschwimmen fast im Licht. Kraniche?

Sie kreisen und sie unterhalten sich.

Das sind keine Signalrufe eines Leitvogels, die wirklich ein bisschen nach Trompete klingen können. Es sind auch keine Begrüßungsrufe – die Anzahl der Vögel verändert sich nicht. Nein, es klingt mehr, als ob sie irgendwas erwägen. Ich stelle mir vor, wie sie kurze, einsilbige Argumente hin und her werfen und darauf regieren. Mal zieht der Trupp – ich zähle über 30 Vögel – ein wenig nach links, mal ein wenig nach rechts, aber sie machen keine Anstalten, tatsächlich loszuziehen. Offensichtlich testen sie ihre Alternativen aus.

Oder spinne ich? Genießen sie bloß die Aussicht auf unseren schönen Park, auf die große Stadt drum herum? Legen eine Pause ein? Aber würden sie dann nicht landen und rasten? Sie sehen nicht so aus.

Ich mache mir Sorgen. Wenn sie weiter so ziellos kreisen, verbrauchen sie unnötig Energie, die sie auf ihrer Reise nach Afrika gut brauchen können.

„Nach Süden, Leute“, spreche ich in den Himmel und wedle Richtung Parkweg. „Da lang.“

Ein Radfahrer saust so dicht an mir vorbei, dass ich den Fahrtwind spüre. Während er sich schnell entfernt, sehe ich noch, wie er den Kopf schüttelt. Ich blicke mich um. Es sind einige Menschen im Park, doch ich bin die Einzige, die in den Himmel starrt. Na gut, außer dem Kiffer auf der Holzbank da drüben.

Die Rufe am Himmel ändern sich. Das Palaver ist vorbei. Schnell werfe ich den Kopf in den Nacken und habe Mühe, den Schwarm wieder zu finden. Hat er sich aufgelöst? Nein, da ist er, er formiert sich um. Ja, jetzt passiert es! Sie bilden eine Linie, zwei Linien, finden zusammen zu einer hakenförmigen Linie und ziehen los.

Aber wo fliegen die denn hin?

Nach Süden, Leute!

Das ist doch Westen.

Okay, jetzt haben sie es selbst gemerkt. Sie korrigieren ein wenig, nach Südwesten. Westsüdwest, genauer gesagt. Ich weiß auch das zufällig, weil das genau die Himmelsrichtung ist, wo der Komet Tsinchunshan neulich noch über dem Horizont gestanden hat, bevor er weitergezogen ist.

Aber wieso fliegen sie nicht direkt gen Süden?

Und dann verstehe ich endlich, was ich gerade beobachtet habe: Sie haben sich eben auf die westliche Zugroute geeinigt. Sie fliegen über Gibraltar.

Daher das Palaver. Ost- oder Westroute? 75% aller Zugvögel entscheiden sich angeblich für die Ostroute über den Balkan und den Nahen Osten. Diese nicht. Woher wussten sie, dass die Westroute dieses Jahr besser ist? Haben sie Schlechtes gehört über die Ostroute? Leere Felder, Hunger, Schnee, Eis, Feuer und Krieg in der Luft? Sind das so die schlechten Zugvögelneuigkeiten, die erwogen werden, bevor man sich für einen Weg entscheidet? Die Route spaltet sich genau hier im Norden. Wer sich umentscheidet, verliert viel Kraft. Keiner entscheidet sich um. Ich glaube, ich durfte gerade miterleben, wie ein Zug Kraniche sich über seine Route in den Süden verständigte und diese dann angetreten hat. Mit Hilfe einer Art von Kommunikation, die mir für immer fremd bleiben wird. Aber funktioniert.
Kaum noch hörbar inzwischen das Trompeten des Leitvogels.

Am Himmel werden die zwei zarten, flimmernden Linien der Vögel immer schwächer. Wie Fadentierchen unterm Mikroskop, die sich annähern und verschmelzen und wieder auseinanderziehen, bis sie verschwunden sind.

Ich weiß zufällig, wo Süden ist

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