Ein ganz normaler Tag in meinem Gehirn
Story
Wenn der Weg nicht das Ziel ist
Endlich gibt es eine psychische Krankheit, in der ich mich wieder finden kann.
Es heißt Existential OCD oder „existentielle Zwangsstörung“ und bezeichnet eine obsessive Beschäftigung mit existenziellen Fragen. Das sind Menschen, die die Finger von Fragen nicht lassen können, auf die es keine Antwort gibt. Die ungewollte Obsession kann richtig schmerzhaft werden, bis hin zur Qual.
Bei mir würde ich es nicht mal unbedingt Obsession nennen, und quälen tue ich höchstens mein Umfeld damit, und trotzdem fasziniert und frustriert es mich, seit ich denken kann.
Was ich alles schon ausprobiert habe, um den Sinn des Lebens zu finden, echt.
Kreativität, Liebe, Sex, Drogen, Ethnologie, Philosophie und Science Fiction, überhaupt Bücher, die Fundamente der Geschichten verstehen, die wir uns erzählen, Biologen, Psychologen, Soziologen, Trendforscher, Historiker, Physiker ausquetschen, wie das Universum tickt, Carl Sagan lauschen und Astronauten, die von ihren Reisen außerhalb der Erde berichten, nachts der ISS winken, auf die reglose Milchstraße starren, in die Meeresbrandung, in die Mitternachtssonne, früher auch irgendwelche Life Coachings, Kabbala, Tarot, Astrologie, Zen, Meditation probieren, Partys feiern, Tanzen bis zum Umfallen, sich auflösen in der Ektase, in der Menge, in der Trauer, im Guten wie im Bösen.
Nicht mehr wissen, wo ich aufhöre und wo die Welt anfängt.
Sich wundern, dass ich feste Materie bin, sollte man nicht durch mich hindurchgreifen können? Wo doch die Abstände zwischen meinen Atomen viel größer sind als ihre Masse.
Und warum sind die Zähne von Kindern schon in ihrem Kiefer vorhanden, bevor sie sich nach oben herausarbeiten? Sie liegen da in Reih und Glied im Kieferknochen zusammengekuschelt, voll ausgebildet, bis sie an der Reihe sind. Das ist so faszinierend wie schrecklich.
Bin ich auch so ein Zahn?
Ich frage mich, wozu ich hier bin, was von mir erwartet wird. Und ob ohne mich nicht alles genauso laufen würde?
Ob ich nur zufällig hier bin und wieso dann alle so tun, als ob ich dankbar dafür sein soll. Als hätten sie mich bei Ikea bestellt, zusammengeschraubt und ich wäre ihnen dafür was schuldig.
Andererseits: wenn ich wirklich reiner Zufall bin, wem soll ich dankbar sein? Gott? Gott fand ich immer eine seltsame, sehr menschliche Idee. Natürlich hatte ich als Kind Angst vor ihm, aber mehr aus Pflichtgefühl den Menschen gegenüber, die das von mir erwarteten. Wenn Gott zuständig ist für das, was um mich rum passiert, verstehe ich ihn nicht. Wenn es die Menschen sind, verstehe ich die Menschen nicht.
Ich liege nachts wach und denke daran, welche Form das Universum wohl hat.
Momentan tendiere ich zu einem Doughnut, der sich regelmäßig von innen nach außen krempelt.
Ich überlege, ob Nichts und Etwas eigentlich Gegensätze sind oder eine Einheit, weil beide nicht ohneeinander existieren können und mal das eine, mal das andere vorherrscht, wie bei einem Tanz, aber keines von beiden je gewinnt, und ob es nicht müßig ist, sich über das Nichts aufzuregen, was vor dem Urknall geherrscht hat, nur weil man es sich nicht vorstellen kann, wo es doch die Grundlage von allem ist, was heute existiert.
Gibt es einen freien Willen? Was passiert eigentlich, wenn ich überhaupt keine Entscheidungen mehr treffe? Läuft mein Leben dann genauso ab, wie ein Film? Kann ich mich selber überlisten, um freien Willen zu beweisen?
Wer weiß?
Genau. Niemand.
Ich habe jahrelang so unermüdlich nach dem Sinn, der Struktur, den Bauplänen, der Gebrauchsanleitung, den Nebenwirkungen des Lebens gesucht, dass ich jetzt keinen Saft mehr dafür habe. Die Suche selbst hat mich nicht erschöpft, nein, die Suche war klasse, ein bunter Reigen an immer neuen Möglichkeiten, so bunt, schillernd und beständig wie Seifenblasen. Es war mehr die kontinuierliche Abwesenheit einer Antwort, die Leere, in die man hinein schreit und flüstert.
Es ist nicht lange her, dass ich endlich verstanden habe, dass ich nie eine Antwort finden werde und aufhören kann, meine Seele für jedes neue Wundermittel zu verkaufen, das mir Erleuchtung, Erlösung oder Erklärung verspricht.
Für diese Phase, die jeder Sucher früher oder später erreicht, gibt es eine Menge schöner Sinnsprüche im Netz, einige davon sogar von echten Philosophen.
Herzlichen Glückwunsch, Sie haben Ihr Ziel erreicht, sagen sie.
Wenn nichts mehr einen Sinn hat, sagen sie, dann ist alles Beliebige möglich. Und wenn alles egal ist, dann mach doch, was du willst!
Sie sprechen von einer großen Freiheit, die sich einstellen soll, von der Trotzmacht des Geistes, die begreift, dass dein Sinn am Ende allein bei dir selbst, deinen Handlungen und Entscheidungen liegt.
Bei mir hat sich keine große Freiheit eingestellt, sondern Leere.
Ein bisschen Ruhe und Frieden auch, weil ich diesem zickigen Sinn nicht weiter hinterher hechle, dem Arsch. Aber es ist kein Frieden, der mich mit Glück erfüllt.
Es ist der Frieden nach einer Niederlage.
Obwohl ich weiß, dass das kindisch ist. Aber was bleibt mir übrig? Die einzigen beiden Alternativen sind, laut Camus, Selbstmord oder einem Kult beitreten.
Naja, die haben selbst Camus nicht wirklich überzeugt.
Ich liege nachts wach und verstehe die Menschen nicht, die nicht nachts wach liegen.
Sehen sie nicht, wie wahnsinnig und wunderbar alles zugleich ist? Warum unterhalten sie sich nicht täglich darüber, am Wasserspender, beim Kaffee, in der Mittagspause, im Bus? Haben sie ihre Suche auch aufgegeben oder haben sie nie gesucht?
Noch unvorstellbarer: Haben sie nie etwas vermisst?
Eine kurze Story über den Unsinn des Lebens
contact
Contact
Wie kann ich helfen?
links